Starke Studie: Zwischen Exotik und Klischee – das Chile Bild im deutschen Fernsehen

Wie entstehen Bilder von fremden Ländern und Kulturen. Welche Rolle spielen dabei Filme, Serien und Literatur. Und warum halten sich bestimmte Vorstellungen so hartnäckig. Mit genau diesen Fragen beschäftigte sich ein binationales studentisches Forschungsprojekt der Friedrich Schiller Universität Jena und der Universidad de Chile. Im Zentrum der Untersuchung stand das Chile Bild im deutschen Fernsehen. Die Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit zeigen deutlich, wie stark stereotype Vorstellungen noch immer die mediale Darstellung prägen.

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Im Jahr 2024 nahmen Studierende aus Deutschland und Chile an einem gemeinsamen Online Kurs mit dem Titel „Estereotipos en la literatura y el cine. El caso de Chile y Alemania. Stereotypen in Literatur und Film. Der Fall Chile und Deutschland“ teil. Ziel war es, die gegenseitigen Wahrnehmungen beider Länder zu vergleichen. Dabei ging es nicht nur um persönliche Eindrücke, sondern vor allem um die Frage, welche Bilder durch Literatur und audiovisuelle Medien vermittelt und verfestigt werden. Die Resultate dieser intensiven Zusammenarbeit wurden nun in der internationalen Fachzeitschrift „Comunicación y Medios“ veröffentlicht.

Gemeinsame Forschung über Grenzen hinweg

Das Projekt verband wissenschaftliche Analyse mit interkulturellem Austausch. Studierende aus Jena und Santiago de Chile untersuchten, wie Deutschland und Chile jeweils dargestellt werden und welche Stereotype dabei eine Rolle spielen. Ein besonderer Fokus lag auf deutschen Fernsehproduktionen, die in Chile angesiedelt sind. Diese Filme erreichen ein breites Publikum und prägen damit maßgeblich die Vorstellungen vieler Zuschauerinnen und Zuschauer.

Jorge Peña, Dozent am Institut für Romanistik der Universität Jena und Mitautor der Studie, bringt es auf den Punkt. Deutsche Fernsehfilme, die in Chile spielen, zeigen laut ihm kein realistisches Bild des Landes. Stattdessen greifen sie auf bekannte Klischees zurück, die schon aus dem klassischen Hollywood Kino bekannt sind. Figuren wie der leidenschaftliche Latino oder der mächtige Großgrundbesitzer tauchen immer wieder auf und erzeugen ein vereinfachtes, verzerrtes Bild der chilenischen Gesellschaft.

Zwei Filme im Fokus der Analyse

Untersucht wurden die beiden fiktionalen Produktionen „Mein Herz in Chile“ aus dem Jahr 2008 und „Die Briefe meiner Mutter“ aus dem Jahr 2014. Beide Filme stammen aus dem öffentlich rechtlichen deutschen Fernsehen und wurden direkt in Chile gedreht. Auf den ersten Blick könnte man erwarten, dass diese Nähe zum Drehort für eine authentische Darstellung sorgt. Die Studie zeigt jedoch, dass genau das nicht der Fall ist.

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Mithilfe film und textanalytischer Methoden sowie imagologischer und postkolonialer Ansätze analysierten die Studierenden, welche Bilder von Chile in diesen Produktionen vermittelt werden. Das Ergebnis ist eindeutig. Chile erscheint in beiden Filmen weniger als realer Ort mit einer komplexen Gesellschaft. Stattdessen wird das Land als Projektionsfläche für stereotype Vorstellungen genutzt.

Exotik statt Wirklichkeit

Ein besonders auffälliges Mittel ist der Einsatz filmischer Stilmittel. In beiden Filmen wird häufig ein gelblicher Farbfilter verwendet, der die Landschaften und Städte in ein warmes, aber auch fremd wirkendes Licht taucht. Dieser visuelle Effekt lässt Chile exotisch, gefährlich oder geheimnisvoll erscheinen. Die Realität des modernen Landes tritt dabei in den Hintergrund.

Obwohl zwischen den beiden Filmen mehrere Jahre liegen, greifen sie auf sehr ähnliche Erzählmuster und Bildwelten zurück. Chile wird durchgehend als kulturell anderer Raum konstruiert, der von Emotionalität, Unsicherheit und Exotik geprägt ist. Damit entsteht ein Bild, das wenig mit dem heutigen Chile zu tun hat, aber stark an alte Filmtraditionen erinnert.

Starke Studie zeigt Chile Klischees im deutschen TV.  Dr. Jorge Peña, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Romanistik der Friedrich-Schiller-Universität Jena, porträtiert am 08.01.2026 bei einer Lehrveranstaltung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena in Jena. Foto: Nicole Nerger/Universität Jena
Starke Studie zeigt Chile Klischees im deutschen TV. Dr. Jorge Peña, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Romanistik der Friedrich-Schiller-Universität Jena, porträtiert am 08.01.2026 bei einer Lehrveranstaltung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena in Jena. Foto: Nicole Nerger/Universität Jena

Ein klares hierarchisches Weltbild

Die Studie zeigt zudem, dass die melodramatischen Erzählungen der Filme von einer klaren Hierarchie geprägt sind. Deutsche Figuren werden als rational, modern und zivilisiert dargestellt. Chile hingegen erscheint als emotional, rückständig und chaotisch. Diese Gegenüberstellung erinnert an die Struktur klassischer Propagandafilme, in denen eine vermeintlich überlegene Kultur einer feindseligen Umgebung gegenübersteht.

Deutschland positioniert sich in diesen Filmen an der Spitze der modernen Zivilisation. Chile wird dagegen als peripherer Raum inszeniert, der vor allem als Kulisse für deutsche Geschichten dient. Diese Darstellung ist nicht nur vereinfachend, sondern auch problematisch, weil sie bestehende Machtverhältnisse und Vorurteile reproduziert.

Alte Bilder in neuem Gewand

Besonders kritisch sehen die Forschenden, dass die Filme an einem veralteten Chile Bild festhalten. Visuelle und narrative Symbole aus früheren Produktionen wie „Das Geisterhaus“ werden nahezu unverändert übernommen. Anstatt das Land in seiner heutigen Vielfalt und Modernität zu zeigen, greifen die Filme auf ein überholtes Repertoire an Bildern zurück. So entsteht ein Chile, das eher einer Fantasie als der Realität entspricht.

Die Produktionen zeigen damit kein gegenwärtiges Land, sondern nutzen Chile vor allem als emotionale Kulisse für deutsche Familiengeschichten und Liebesdramen. Das reale Leben der Menschen vor Ort bleibt weitgehend unsichtbar.

Bedeutung für Medien und Gesellschaft

Die Ergebnisse des binationalen Forschungsprojekts machen deutlich, wie wichtig eine kritische Auseinandersetzung mit medialen Darstellungen ist. Filme und Serien prägen unsere Vorstellungen von anderen Ländern oft stärker als persönliche Erfahrungen oder Nachrichtenberichte. Wenn diese Darstellungen auf Klischees beruhen, können sie Vorurteile verstärken und ein verzerrtes Weltbild erzeugen.

Mit ihrer Veröffentlichung in einer internationalen Fachzeitschrift leisten die Studierenden aus Jena und Chile einen wichtigen Beitrag zur Medienkritik. Ihre Arbeit zeigt, dass es sich lohnt, genauer hinzusehen und die Bilder, die wir konsumieren, zu hinterfragen. Gerade in einer globalisierten Welt ist ein differenzierter Blick auf andere Kulturen wichtiger denn je.

Hashtags
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Info, UNI Jena | Foto,  Nicole Nerger // Universität Jena | Veranstaltungen im Eventkalender