NSU-Komplex Jena :Veranstaltungsreihe blickt 15 Jahre nach der NSU-Selbstenttarnung auf Folgen und Aufarbeitung
Fünfzehn Jahre nach der Selbstenttarnung des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) widmet sich die Veranstaltungsreihe „Jena erinnert! 15 Jahre (danach) – Jena und der NSU-Komplex“ den Auswirkungen der rechtsterroristischen Mordserie und ihrer Aufarbeitung. Zahlreiche Akteurinnen und Akteure aus Jena haben ein Programm mit Ausstellungen, Diskussionsveranstaltungen, Forschungsbeiträgen und Bildungsangeboten vorbereitet. Die Reihe beginnt am 29. Oktober und läuft bis Ende November.
Weitere Nachrichten aus Jena:
31. Jenaer Lesemarathon in der Ernst-Abbe-Bücherei

Jena als zentraler Ort der NSU-Geschichte
NSU-Komplex Jena: Jena nimmt in der Geschichte des NSU eine besondere Stellung ein. In der Stadt setzte sich in den frühen 1990er Jahren die Radikalisierung jener Personen fort, die später zu den Haupttätern wurden. Aus einem Umfeld der rechtsextremen Szene entwickelte sich ein Netzwerk, in dem rassistische Ideologien, Gewalt und schließlich Terror eine zentrale Rolle spielten.
Der NSU ermordete in Deutschland zehn Menschen: Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter.
Mit der Veranstaltungsreihe sollen die damaligen Entwicklungen und Ereignisse thematisiert werden, die bis heute nachwirken. Dabei stehen insbesondere die Dimension rechten Terrors, staatliche Behördenversäumnisse sowie struktureller Rassismus im Mittelpunkt. Nach Angaben der Veranstalter ist der NSU-Komplex Jena bis heute nicht vollständig aufgearbeitet.
Auftakt im StadtLab und breites Beteiligungsnetzwerk
Die Auftaktveranstaltung trägt den Titel „Alle betroffen, nichts gewusst?“ und findet am 29. Oktober im StadtLab statt. Das Programm wurde von der AG Jena erinnert vorbereitet.
An der Umsetzung beteiligen sich neben der Stadt Jena und JenaKultur auch Kokont, das Bündnis „NSU-Komplex auflösen“, das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft Jena, das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ (ThürAZ), die Freie Bühne, die Junge Gemeinde Stadtmitte Jena, der Demokratische Jugendring Jena e.V. sowie die Vereine Haydi und Komme.
JenaMedia – Veranstaltungstipp:
Das 7. Leben der Muschi am 21. & 22.10. im Kassa Jena

Betroffenenperspektive im Mittelpunkt
Die verschiedenen Veranstaltungen beleuchten den NSU-Komplex Jena aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Thematisiert werden die lokale Geschichte, die Entstehung rechtsextremer Strukturen, Fragen nach Verantwortung und Aufarbeitung sowie die Perspektive der Betroffenen und ihrer Angehörigen.
Kulturdezernent Johannes Schleußner betont die Bedeutung des Erinnerns über einen rein historischen Rückblick hinaus:
„Erinnern bedeutet dabei mehr als zurückzublicken. Es bedeutet, die Perspektiven der Betroffenen ernst zu nehmen, Entwicklungen zu verstehen und darüber zu sprechen, welche Verantwortung eine Gesellschaft im Umgang mit Rassismus, Rechtsextremismus und rechter Gewalt trägt.“
Er lädt zugleich die Bürgerinnen und Bürger ein, die Veranstaltungen zu besuchen und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Auch Oberbürgermeister Dr. Thomas Nitzsche unterstreicht die besondere Verantwortung der Stadt:
„Jena trägt eine besondere Verantwortung im Umgang mit dem NSU-Komplex, denn in Jena nahm die Radikalisierung der späteren Täter ihren Anfang. Fünfzehn Jahre nach der Selbstenttarnung dürfen wir nicht nachlassen, uns dieser Geschichte zu stellen. Mit ‚Jena erinnert!‘ setzen wir ein klares Zeichen: Rassismus und rechte Gewalt haben in unserer Stadt keinen Platz.“
Zwei Ausstellungen beleuchten Opfer und lokale Entwicklungen
Vom 29. Oktober bis zum 20. November zeigt das StadtLab am Markt die Ausstellung „Die Opfer und die Aufarbeitung der Verbrechen“.
Die von Birgit Mair im Auftrag des Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung (ISFBB) e.V. entwickelte Ausstellung entstand in den Jahren 2012 und 2013. Auf 27 Tafeln dokumentiert sie die NSU-Verbrechen der Jahre 1999 bis 2011 sowie deren gesellschaftliche Aufarbeitung.
Im Mittelpunkt des NSU-Komplex Jena stehen die Opfer der Mordserie, ihre Familien und die Folgen der Verbrechen. Thematisiert werden Trauer, Verlust, Ausgrenzung sowie die Erfahrung, dass die rassistischen Motive der Taten von den Ermittlungsbehörden zunächst nicht erkannt wurden.
Parallel dazu ist die Ausstellung „Der Weg in den Untergrund – Die Jenaer Spuren“ zu sehen. Hierfür rekonstruierte der Journalist Frank Döbert im Auftrag von JenaKultur anhand von Zeitungsberichten, Dokumenten und Fotografien die Entwicklung der rechtsextremen Szene in Jena in den frühen 1990er Jahren sowie den Verlauf der Radikalisierung.

Diskussionen und Forschungsergebnisse im StadtLab
Im weiteren Verlauf der Veranstaltungsreihe NSU-Komplex Jena folgen mehrere Diskussionsveranstaltungen.
Dazu zählen die Podiumsdiskussion „Kontinuitäten rechten Terrors“, organisiert von Kokont gemeinsam mit dem Demokratischen Jugendring Jena e.V. und der Jungen Gemeinde Stadtmitte Jena, sowie die Veranstaltung „Akzeptierende Sozialarbeit mit Rechten in den 1990er Jahren in Jena – und heute?“ des Bündnisses „NSU-Komplex auflösen Jena“.
Am 13. November stellt Leonie Dellen Ergebnisse ihrer Untersuchungen im StadtLab vor. Die Historikerin, Politikwissenschaftlerin und Pädagogin ist Clara-und-Eduard-Rosenthal-Stipendiatin.
Im Rahmen ihres Stipendiums hat sie seit November 2025 verschiedene Perspektiven auf die Jugendsozialarbeit in Jena vom Ende der 1980er bis zum Ende der 1990er Jahre untersucht. Die Ergebnisse werden erstmals öffentlich präsentiert und eingeordnet.
Lange Nacht der Wissenschaften greift Forschung zum NSU-Kontext auf
NSU-Komplex Jena: Im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften am 20. November stellt das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) aktuelle Forschungsarbeiten im StadtLab vor.
Das Institut wurde 2016 als Konsequenz aus der Aufarbeitung des NSU-Komplexes gegründet. Im Fokus stehen Forschung zu Demokratiegefährdungen sowie zur demokratischen Zivilgesellschaft.
Neben Beiträgen zu rechter Gewalt und zur Jugendarbeit im Jena der 1990er Jahre geben Forschende Einblicke in laufende Projekte und präsentieren aktuelle Erkenntnisse. Im Anschluss sind Gespräche und Fragen aus dem Publikum vorgesehen.
Bildungsprojekt bildet Abschluss der Veranstaltungsreihe
Den Abschluss der Reihe bildet am 27. November eine Veranstaltung im KuBuS in Lobeda-West.
Das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“, die Freie Bühne Jena sowie die Vereine Haydi und Komme stellen dort Ergebnisse des Bildungsprojekts „Einigkeit und Hass und Hetze – Jugend in Jena in den frühen 1990er Jahren und heute“ vor.
Das Projekt wird im Vorfeld gemeinsam mit der Jenaplanschule und der Karl-Volkmar-Stoy-Schule im Rahmen von Schulprojekttagen umgesetzt. Gezeigt werden Eindrücke aus den Projekttagen, ein Theaterstück der Freien Bühne, eine Ausstellung sowie eine Gesprächsrunde mit Vertreterinnen und Vertretern migrantischer (Selbst-)Organisationen aus Jena.
Hashtags: #NSUKomplex #JenaErinnert #Jena #Erinnerungskultur #RechteGewalt


















